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Aktualisiert: 5. Oktober 2026

Bilanzkennzahlen: Formeln, Richtwerte und echte Werte aus 171.777 Jahresabschlüssen

Bilanzkennzahlen mit Formeln, Richtwerten und Beispielrechnung: Eigenkapitalquote, Verschuldungsgrad, Anlagendeckung, Liquidität 1. bis 3. Grades und Working Capital. Mit Medianwerten aus 171.777 österreichischen Jahresabschlüssen.

Bilanzkennzahlen jeder GmbH, ohne selbst zu rechnen

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# Bilanzkennzahlen: Formeln, Richtwerte und echte Werte aus 171.777 Jahresabschlüssen

Bilanzkennzahlen beantworten zwei Fragen: Wie ist ein Unternehmen finanziert, und kann es seine kurzfristigen Schulden bezahlen? Für die erste Frage reichen Eigenkapitalquote, Verschuldungsgrad, Anlagenintensität und Anlagendeckung. Für die zweite rechnen Sie Liquidität 1. bis 3. Grades und Working Capital. Alle diese Kennzahlen kommen mit der Bilanz allein aus, ohne Gewinn- und Verlustrechnung.

Die üblichen Richtwerte wie "Eigenkapitalquote ab 30 Prozent" stehen in jedem Lehrbuch. Was fehlt, ist der Abgleich mit der Realität. Wir haben deshalb 171.777 Jahresabschlüsse österreichischer Kapitalgesellschaften für das Geschäftsjahr 2024 ausgewertet, die über die offene Schnittstelle des Firmenbuchs verfügbar sind. Die Medianwerte stehen in diesem Artikel neben jeder Formel.

Welche Bilanzkennzahlen gibt es? Die Übersicht mit Formeln

Die folgende Tabelle enthält alle Bilanzkennzahlen dieses Artikels mit Formel, Faustregel und dem österreichischen Median 2024. Die Richtwerte sind Erfahrungswerte aus Praxis und Kreditvergabe, keine gesetzlichen Grenzen. Die einzige gesetzlich verankerte Schwelle ist die Eigenmittelquote von 8 Prozent im Unternehmensreorganisationsgesetz.

KennzahlFormelRichtwertMedian Österreich 2024
EigenkapitalquoteEigenkapital ÷ Bilanzsummeab 30 %40,2 %
FremdkapitalquoteFremdkapital ÷ Bilanzsummeunter 70 %rund 60 %
VerschuldungsgradFremdkapital ÷ Eigenkapitalunter 200 %77 %
AnlagenintensitätAnlagevermögen ÷ Bilanzsummebranchenabhängig21,9 %
Anlagendeckung IEigenkapital ÷ Anlagevermögenab 100 % ideal105,4 %
Anlagendeckung II(Eigenkapital + langfristiges Fremdkapital) ÷ Anlagevermögenab 100 %nicht ausgewertet
Liquidität 1. Gradesliquide Mittel ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten10 bis 30 %17,8 %
Liquidität 2. Grades(liquide Mittel + Forderungen) ÷ kurzfristige Verbindlichkeitenab 100 %122 %
Liquidität 3. GradesUmlaufvermögen ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten120 bis 200 %173 %
Working CapitalUmlaufvermögen − kurzfristige Verbindlichkeitenpositiv72.780 €

Basis: 171.777 Jahresabschlüsse mit Bilanzsumme über null, Geschäftsjahr 2024. Die Liquiditätskennzahlen beruhen auf 68.524 Abschlüssen, in denen die Restlaufzeit der Verbindlichkeiten ausgewiesen und auslesbar war. Den Verschuldungsgrad haben wir nur für Firmen mit positivem Eigenkapital gerechnet, weil die Kennzahl bei negativem Eigenkapital ihren Sinn verliert.

Bilanzkennzahlen jeder GmbH, ohne selbst zu rechnen

Sie kennen jetzt Formeln und Richtwerte. Bei Researchly Firmendaten stehen die Kennzahlen jeder österreichischen Kapitalgesellschaft schon ausgelesen da, mit Branchenvergleich.

  • Eigenkapitalquote, Verschuldungsgrad und Liquidität 1. Grades schon ausgerechnet
  • Branchenmedian nach ÖNACE direkt daneben
  • Ohne Login: Kennzahlen mit Vorjahren aus dem Firmenbuch
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Zwei Begriffe tauchen in fast jeder Formel auf. Fremdkapital sind im UGB die Rückstellungen und die Verbindlichkeiten, also die Posten B und C auf der Passivseite nach § 224 UGB. Kurzfristig heißt eine Restlaufzeit bis zu einem Jahr. Österreichische Abschlüsse weisen das als "davon mit einer Restlaufzeit von bis zu einem Jahr" bei den Verbindlichkeiten aus.

Wo stehen die Werte in der Bilanz?

Für alle zehn Kennzahlen brauchen Sie neun Zeilen aus der Bilanz. Die Gliederung ist durch § 224 UGB vorgegeben, deshalb finden Sie die Posten in jedem österreichischen Jahresabschluss an derselben Stelle, auch in der verkürzten Bilanz einer kleinen GmbH.

Posten in der BilanzSeiteGliederung § 224 UGBGebraucht für
AnlagevermögenAktivaAAnlagenintensität, Anlagendeckung
UmlaufvermögenAktivaBLiquidität 3. Grades, Working Capital
VorräteAktivaB.IAbgrenzung Liquidität 2. zu 3. Grades
ForderungenAktivaB.IILiquidität 2. Grades
Kassenbestand, BankguthabenAktivaB.IVLiquidität 1. und 2. Grades
EigenkapitalPassivaAEigenkapitalquote, Verschuldungsgrad
RückstellungenPassivaBFremdkapital
VerbindlichkeitenPassivaCFremdkapital
davon Restlaufzeit bis 1 JahrPassivaVermerk bei Calle Liquiditätskennzahlen, Working Capital

Wo Sie die Jahresabschlüsse kostenlos oder amtlich bekommen, beschreiben wir in Jahresabschluss und Bilanz einsehen in Österreich.

Kennzahlen zur Kapitalstruktur: Wie ist das Unternehmen finanziert?

Vertikale Kennzahlen vergleichen Posten innerhalb einer Bilanzseite. Sie zeigen, wie viel Eigenkapital als Puffer vorhanden ist und wie viel Vermögen langfristig gebunden ist.

Eigenkapitalquote

Die Eigenkapitalquote ist der Anteil des Eigenkapitals an der Bilanzsumme. Sie ist die meistgesuchte Bilanzkennzahl und für Banken die erste Zahl beim Rating, weil Eigenkapital Verluste abfängt, bevor Gläubiger*Innen etwas verlieren.

Formel: Eigenkapitalquote = Eigenkapital ÷ Bilanzsumme × 100

In Österreich verteilen sich die Werte sehr breit:

  • Der Median liegt bei 40,2 Prozent. Ein Viertel der Firmen hat weniger als 4,4 Prozent, ein Viertel mehr als 75,7 Prozent.
  • 56,9 Prozent der Firmen erreichen die Faustregel von 30 Prozent.
  • 27,7 Prozent liegen unter 8 Prozent.
  • 20,8 Prozent haben ein negatives Eigenkapital, sind also bilanziell überschuldet.

Der hohe Anteil mit negativem Eigenkapital wirkt alarmierend, hat aber oft harmlose Gründe. Junge GmbHs mit Anlaufverlusten, Gesellschaften mit eigenkapitalersetzenden Gesellschafterdarlehen und Projektgesellschaften gehören dazu. Bilanzielle Überschuldung ist nicht automatisch Insolvenz. Entscheidend ist, ob eine positive Fortbestehensprognose vorliegt.

Fremdkapitalquote und Verschuldungsgrad

Die Fremdkapitalquote ist das Spiegelbild der Eigenkapitalquote. Beide zusammen ergeben 100 Prozent, abgesehen von Rechnungsabgrenzungsposten. Aussagekräftiger ist der Verschuldungsgrad, weil er Fremd- und Eigenkapital direkt ins Verhältnis setzt.

Formel: Verschuldungsgrad = (Rückstellungen + Verbindlichkeiten) ÷ Eigenkapital × 100

Ein Verschuldungsgrad von 200 Prozent heißt: Auf jeden Euro Eigenkapital kommen zwei Euro Fremdkapital. Der österreichische Median liegt bei 77 Prozent, gerechnet über 135.769 Firmen mit positivem Eigenkapital. Als Obergrenze nennen Banken oft 200 Prozent, in kapitalintensiven Branchen wird mehr akzeptiert.

Achten Sie beim Vergleich darauf, was als Fremdkapital zählt. Manche Quellen rechnen nur die Verbindlichkeiten und lassen die Rückstellungen weg. Auch Researchly Firmendaten zeigt im Firmenprofil den Verschuldungsgrad als Verbindlichkeiten ÷ Eigenkapital. Bei Firmen mit hohen Pensions- oder Abfertigungsrückstellungen fällt der Wert dadurch deutlich niedriger aus als nach der Lehrbuchformel.

Anlagenintensität

Die Anlagenintensität zeigt, wie viel des Vermögens langfristig gebunden ist, in Gebäuden, Maschinen, Beteiligungen oder Software.

Formel: Anlagenintensität = Anlagevermögen ÷ Bilanzsumme × 100

Einen allgemeinen Richtwert gibt es nicht. Ein Hotel hat zwangsläufig viel Anlagevermögen, ein Softwarehaus kaum welches. Eine hohe Anlagenintensität bedeutet hohe Fixkosten durch Abschreibungen und wenig Spielraum, wenn die Nachfrage einbricht. Eine niedrige bedeutet Flexibilität. Der österreichische Median liegt bei 21,9 Prozent.

Fristenkongruenz: Ist langfristiges Vermögen langfristig finanziert?

Horizontale Kennzahlen verbinden Aktiv- und Passivseite. Die Anlagendeckung prüft die sogenannte goldene Bilanzregel: Vermögen, das lange im Unternehmen bleibt, soll mit Kapital finanziert sein, das ebenfalls lange bleibt.

Formeln:

  • Anlagendeckung I = Eigenkapital ÷ Anlagevermögen × 100
  • Anlagendeckung II = (Eigenkapital + langfristiges Fremdkapital) ÷ Anlagevermögen × 100

Eine Anlagendeckung II unter 100 Prozent heißt, dass ein Teil des Anlagevermögens mit kurzfristigen Mitteln finanziert ist. Das ist riskant, weil diese Mittel zurückgezahlt werden müssen, bevor die Maschine oder das Gebäude das Geld wieder eingespielt hat.

In Österreich liegt die Anlagendeckung I im Median bei 105,4 Prozent. 52,2 Prozent der Firmen finanzieren ihr Anlagevermögen also vollständig aus Eigenkapital. Für die Anlagendeckung II fehlt in vielen Abschlüssen die Aufteilung der Rückstellungen nach Fristigkeit, deshalb haben wir sie nicht flächendeckend ausgewertet.

Liquiditätskennzahlen: Kann das Unternehmen seine Rechnungen zahlen?

Die drei Liquiditätsgrade stellen kurzfristige Verbindlichkeiten jeweils einem breiteren Teil des Umlaufvermögens gegenüber. Je höher der Grad, desto mehr Vermögen zählt dazu, und desto länger dauert es, dieses Vermögen in Geld zu verwandeln.

LiquiditätsgradIm ZählerRichtwertMedian ÖsterreichAnteil unter Richtwert
1. Grades (Cash Ratio)liquide Mittel10 bis 30 %17,8 %43,1 % unter 10 %
2. Grades (Quick Ratio)liquide Mittel + Forderungenab 100 %122 %nicht ausgewertet
3. Grades (Current Ratio)gesamtes Umlaufvermögen120 bis 200 %173 %33,3 % unter 100 %

Basis: 68.524 Abschlüsse mit ausgewiesener Restlaufzeit, Geschäftsjahr 2024.

Liquidität 1. Grades

Formel: Liquidität 1. Grades = (Kassa + Bankguthaben) ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten × 100

Die Kennzahl zeigt, welcher Anteil der kurzfristigen Schulden sofort aus vorhandenem Geld bezahlt werden könnte. 100 Prozent sind dafür nicht nötig, weil Verbindlichkeiten nicht alle am selben Tag fällig werden. Ein sehr hoher Wert ist auch kein Qualitätsmerkmal. Geld auf dem Konto bringt wenig Ertrag.

Die Kennzahl ist eine Momentaufnahme zum Bilanzstichtag. Viele Firmen zahlen Lieferant*Innen kurz vor dem 31. Dezember oder bekommen gerade dann eine große Kundenzahlung. Ein Wert zwischen zwei Stichtagen kann ganz anders aussehen. In Researchly Firmendaten steht die Liquidität 1. Grades im Firmenprofil, sobald die Restlaufzeit der Verbindlichkeiten im Abschluss auslesbar ist. Fehlt der "davon"-Vermerk, bleibt der Wert leer statt einer verzerrten Schätzung.

Liquidität 2. Grades

Formel: Liquidität 2. Grades = (liquide Mittel + kurzfristige Forderungen) ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten × 100

Hier zählen offene Kundenrechnungen dazu. Die Faustregel lautet 100 Prozent: Geld und ausstehende Zahlungen decken die kurzfristigen Schulden. Der Median von 122 Prozent zeigt, dass die Mehrheit diese Schwelle erreicht.

Liquidität 3. Grades und Working Capital

Formeln:

  • Liquidität 3. Grades = Umlaufvermögen ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten × 100
  • Working Capital = Umlaufvermögen − kurzfristige Verbindlichkeiten

Beide Kennzahlen enthalten dieselbe Information, einmal als Verhältnis, einmal in Euro. Liegt die Liquidität 3. Grades unter 100 Prozent, ist das Working Capital negativ. Das betrifft ein Drittel der österreichischen Kapitalgesellschaften. Der Median des Working Capital liegt bei 72.780 €.

Ein negatives Working Capital ist nicht immer schlecht. Supermärkte und Gastronomie kassieren sofort und zahlen LieferantInnen später. Sie arbeiten bewusst mit negativem Working Capital, weil die KundInnen das Lager finanzieren. Bei einem Maschinenbauer mit langen Zahlungszielen wäre derselbe Wert ein Warnsignal.

Beispielrechnung mit einer echten Bilanz: Augustinerbräu Kloster Mülln

Am Jahresabschluss 2024 der Augustinerbräu-Kloster Mülln GmbH & Co KG (FN 619614y) lassen sich alle Kennzahlen durchrechnen. Die Salzburger Brauerei ist als GmbH & Co KG offenlegungspflichtig und weist sowohl die Restlaufzeit der Verbindlichkeiten als auch eine GuV aus.

Die Ausgangswerte aus der Bilanz zum 31. Dezember 2024:

PostenBetrag (€)
Bilanzsumme14.549.466,98
Anlagevermögen9.708.895,68
Umlaufvermögen4.823.851,89
davon Vorräte515.332,45
davon Forderungen287.970,18
davon Kassenbestand und Bankguthaben4.020.549,26
Eigenkapital12.296.059,76
Rückstellungen855.634,70
Verbindlichkeiten1.320.618,94
davon Restlaufzeit bis 1 Jahr1.316.521,55

Daraus ergeben sich folgende Kennzahlen, im Vergleich mit dem Median der Getränkeherstellung (ÖNACE 11, 246 Firmen) und dem Gesamtmedian:

KennzahlRechnungAugustinerbräuMedian GetränkeMedian gesamt
Eigenkapitalquote12.296.060 ÷ 14.549.46784,5 %23,1 %40,2 %
Verschuldungsgrad(855.635 + 1.320.619) ÷ 12.296.06017,7 %nicht ausgewertet77 %
Anlagenintensität9.708.896 ÷ 14.549.46766,7 %38,9 %21,9 %
Anlagendeckung I12.296.060 ÷ 9.708.896126,6 %nicht ausgewertet105,4 %
Liquidität 1. Grades4.020.549 ÷ 1.316.522305 %nicht ausgewertet17,8 %
Liquidität 2. Grades(4.020.549 + 287.970) ÷ 1.316.522327 %nicht ausgewertet122 %
Liquidität 3. Grades4.823.852 ÷ 1.316.522366 %nicht ausgewertet173 %
Working Capital4.823.852 − 1.316.5223.507.330 €nicht ausgewertet72.780 €

Was die Zahlen sagen: Die Brauerei hat viel Anlagevermögen, wie es für eine Brauerei mit Sudhaus, Abfüllung und Gebäuden zu erwarten ist. Dieses Vermögen ist vollständig aus Eigenkapital finanziert. Die Bank spielt praktisch keine Rolle, die langfristigen Verbindlichkeiten liegen bei rund 4.100 €. Die liquiden Mittel allein decken die kurzfristigen Schulden dreifach.

Nach Lehrbuch ist das ein Musterfall. Eine Analystin würde trotzdem nachfragen, warum 4 Mio. € auf dem Konto liegen. Möglich sind eine geplante Investition, eine Reserve für Entnahmen der Gesellschafter oder schlicht Vorsicht. Tatsächlich ist das Anlagevermögen im Abschluss 2025 auf 12,0 Mio. € gestiegen und die liquiden Mittel sind auf 3,1 Mio. € gesunken. Das Geld ist also zu einem guten Teil in Anlagen geflossen. Kennzahlen liefern die Frage, die Antwort steht im Vorjahresvergleich oder im Anhang.

[Kennzahlen der Augustinerbräu mit Vorjahren ansehen](https://firmendaten.researchly.at/firma/augustinerbraeu-kloster-muelln-gmbh-co-kg-619614y)

Gegenbeispiel: Warum dieselben Werte in einer anderen Branche normal sind

Die Unterberger Automobile GmbH u. Co. KG (FN 187255a), ein Tiroler Autohändler, verfehlt fast jeden Lehrbuch-Richtwert und verdient trotzdem Geld. Im Geschäftsjahr 2024 stand bei 50,5 Mio. € Umsatz ein Jahresüberschuss von 1,9 Mio. € in der GuV.

KennzahlUnterberger Automobile 2024Richtwert
Eigenkapitalquote14,2 %ab 30 %
Verschuldungsgrad590 %unter 200 %
Liquidität 1. Grades0,1 %10 bis 30 %
Liquidität 2. Grades20,4 %ab 100 %
Liquidität 3. Grades93,7 %ab 120 %
Working Capital−565.403 €positiv
Vorräte ÷ Bilanzsumme43,0 %branchenabhängig

Das Muster ist typisch für den Kfz-Handel. Ein großer Teil der Bilanz besteht aus Fahrzeugen auf Lager, die meist über Händlerfinanzierungen bezahlt werden. Kassa und Bank sind fast leer, weil jeder Euro sofort in den Kreditrahmen zurückfließt. Die Liquidität 1. Grades sagt hier wenig. Wichtiger sind die Liquidität 3. Grades, die Lagerumschlagsdauer und die Frage, wie lange der Kreditrahmen läuft.

Daraus folgt die wichtigste Regel für Bilanzkennzahlen: Vergleichen Sie zuerst mit der eigenen Branche und erst dann mit dem Lehrbuch.

Branchenvergleich: Eigenkapitalquote und Anlagenintensität in Österreich

Die Medianwerte nach ÖNACE-Abteilung zeigen, wie stark der Richtwert von der Branche abhängt. Immobilien und Gastronomie liegen bei der Eigenkapitalquote weit unter 30 Prozent, beratende Berufe weit darüber.

Branche (ÖNACE)FirmenMedian EigenkapitalquoteMedian Anlagenintensität
Grundstücks- und Wohnungswesen (68)38.02118,0 %74,4 %
Gastronomie (56)5.71418,0 %35,8 %
Beherbergung (55)4.25321,5 %75,4 %
Getränkeherstellung (11)24623,1 %38,9 %
Hochbau (41)2.36530,3 %11,6 %
Einzelhandel (47)12.07932,0 %10,7 %
Herstellung von Nahrungsmitteln (10)1.11232,5 %43,3 %
Landverkehr (49)2.82734,0 %37,0 %
Herstellung von Metallerzeugnissen (25)1.66742,3 %29,9 %
Maschinenbau (28)96742,6 %18,0 %
Großhandel (46)12.30543,6 %7,2 %
Ausbaugewerbe (43)10.77147,2 %13,8 %
IT-Dienstleistungen (62)6.99353,5 %6,8 %
Architektur- und Ingenieurbüros (71)6.27956,6 %10,5 %
Rechts- und Steuerberatung (69)3.58460,2 %11,6 %
Unternehmensberatung, Holdings (70)9.84262,9 %17,6 %

Basis: Geschäftsjahr 2024, Medianwerte je ÖNACE-Abteilung.

Hotels und Immobiliengesellschaften kaufen Gebäude überwiegend mit Krediten, die durch die Liegenschaft besichert sind. Eine Eigenkapitalquote von 18 Prozent ist dort Normalfall. Bei einer IT-Dienstleisterin wäre derselbe Wert ein Ausreißer nach unten, weil sie kaum Sachwerte als Sicherheit hat.

Wer die eigene Firma oder Mitbewerber einordnen will, braucht den Median der eigenen Unterklasse. Bei uns steht er in jedem Firmenprofil direkt neben dem Wert der Firma, aufgeschlüsselt nach ÖNACE-Code. Wie Sie passende Vergleichsfirmen auswählen, beschreiben wir in Ähnliche Firmen finden. Ein Beispiel für einen Branchenvergleich über Bilanzdaten ist unsere Rangliste der größten Maschinenbauunternehmen Österreichs.

Rentabilitätskennzahlen: Warum sie in den meisten Abschlüssen fehlen

Eigenkapitalrentabilität, Gesamtkapitalrentabilität und Umsatzrendite brauchen Werte aus der Gewinn- und Verlustrechnung. In unserer Auswertung enthielten nur 2,1 Prozent der Abschlüsse einen Umsatz und 2,8 Prozent einen Jahresüberschuss. Kleine und Kleinstgesellschaften müssen nach UGB keine GuV offenlegen, und das ist die große Mehrheit der österreichischen GmbHs.

Formeln:

  • Eigenkapitalrentabilität = Jahresüberschuss ÷ Eigenkapital × 100
  • Gesamtkapitalrentabilität = (Jahresüberschuss + Zinsaufwand) ÷ Bilanzsumme × 100
  • Umsatzrendite = Jahresüberschuss ÷ Umsatzerlöse × 100

Lehrbücher rechnen mit dem durchschnittlichen Kapital aus Anfangs- und Endbestand. Mit dem Endbestand allein fällt der Wert etwas niedriger aus, wenn das Kapital im Jahr gewachsen ist.

Für die beiden Beispielfirmen sieht das so aus:

KennzahlAugustinerbräu 2024Unterberger Automobile 2024
Umsatzerlöse9,51 Mio. €50,50 Mio. €
Jahresüberschuss1,69 Mio. €1,90 Mio. €
Umsatzrendite17,7 %3,8 %
Eigenkapitalrentabilität13,7 %90,0 %

Die Tabelle zeigt, warum Rentabilitätskennzahlen nie allein stehen sollten. Der Autohändler erzielt aus wenig Eigenkapital eine sehr hohe Rendite, genau wegen der hohen Verschuldung. Das ist der Leverage-Effekt. Er wirkt in guten Jahren positiv und in schlechten Jahren genauso stark negativ.

Beide Firmen sind GmbH & Co KG. Die KG zahlt selbst keine Körperschaftsteuer, die Gewinne versteuern die Gesellschafter. Der Jahresüberschuss einer KG ist deshalb ein Vorsteuerwert, der einer GmbH ein Wert nach Körperschaftsteuer. Vergleichen Sie Renditen nur innerhalb derselben Rechtsform, oder rechnen Sie mit dem Betriebserfolg.

Ergebnis ohne GuV: Bilanzgewinn minus Gewinnvortrag

Bei kleinen GmbHs lässt sich das Jahresergebnis näherungsweise aus dem Eigenkapital ableiten. Ein Beispiel ist die Q-Windows GmbH aus Graz (FN 320937t), die 2024 nur eine verkürzte Bilanz offengelegt hat. Der Bilanzgewinn beträgt 276.093 €, davon Gewinnvortrag 270.120 €. Das Ergebnis des Jahres liegt also bei rund 5.970 €.

Die Rechnung stimmt nicht, wenn im selben Jahr Rücklagen gebildet oder aufgelöst oder Gewinne ausgeschüttet wurden. Die übrigen Bilanzkennzahlen funktionieren bei Q-Windows ohne Einschränkung: Eigenkapitalquote 73,9 Prozent, Anlagenintensität 11,1 Prozent. Die Restlaufzeit der Verbindlichkeiten ist nicht ausgewiesen. Setzen Sie dann alle Verbindlichkeiten als kurzfristig an. Das ergibt eine Untergrenze: Die Liquidität 1. Grades beträgt mindestens 253 Prozent.

Warnsignale: Ab wann wird es kritisch?

Eine einzelne schwache Kennzahl ist selten ein Problem. Kritisch wird es, wenn mehrere zusammenkommen oder sich über mehrere Jahre verschlechtern. Diese Kombinationen sollten Sie genauer prüfen:

  • Eigenkapitalquote unter 8 Prozent. Nach § 22 Unternehmensreorganisationsgesetz wird ein Reorganisationsbedarf vermutet, wenn die Eigenmittelquote unter 8 Prozent und zugleich die fiktive Schuldentilgungsdauer über 15 Jahren liegt. Geschäftsführer*Innen prüfpflichtiger Gesellschaften, die dann kein Reorganisationsverfahren einleiten, haften im Insolvenzfall mit bis zu 100.000 € pro Person.
  • Negatives Eigenkapital über mehrere Jahre. Ein Jahr kann Anlaufverlust sein, drei Jahre in Folge mit wachsendem Minus nicht.
  • Anlagendeckung II unter 100 Prozent. Langfristige Investitionen hängen dann an kurzfristigen Krediten.
  • Liquidität 3. Grades unter 100 Prozent in einer Branche mit Zahlungszielen. Im Handel mit Barzahlung normal, im Maschinenbau oder in der Bauwirtschaft ein Warnsignal.
  • Sinkende Eigenkapitalquote bei wachsender Bilanzsumme. Das Wachstum wird dann über Schulden finanziert.

Die fiktive Schuldentilgungsdauer nach § 24 URG rechnen Sie so: Rückstellungen plus Verbindlichkeiten, abzüglich liquide Mittel und Wertpapiere, geteilt durch den Mittelüberschuss aus der GuV. Sie sagt, wie viele Jahre das Unternehmen bräuchte, um seine Schulden aus dem laufenden Cashflow zu tilgen. Ohne GuV lässt sie sich nicht berechnen, deshalb ist bei kleinen GmbHs nur die Eigenmittelquote prüfbar.

Häufige Fehler bei der Berechnung

Die meisten falschen Bilanzkennzahlen entstehen durch falsch abgegrenzte Posten, selten durch die Rechnung selbst. Diese fünf Fehler sehen wir am häufigsten:

1. Alle Verbindlichkeiten als kurzfristig zählen. Ein Bankkredit mit acht Jahren Laufzeit gehört nicht in die Liquiditätsgrade. Wer ihn einrechnet, macht die Firma künstlich illiquide. Die Restlaufzeit steht im Abschluss als "davon"-Vermerk. 2. Rückstellungen vergessen. Abfertigungs-, Pensions- und Steuerrückstellungen sind Fremdkapital. Bei Industrieunternehmen machen sie oft einen zweistelligen Prozentsatz der Bilanzsumme aus. 3. Kennzahlen mit liquiden Mitteln im Nenner. Teilt man Schulden durch den Kassenbestand, explodiert der Wert, sobald die Kassa fast leer ist. Bei 220 € auf dem Konto und 475.000 € Verbindlichkeiten ergibt sich ein Faktor von über 2.000. Rechnen Sie immer mit dem Geld im Zähler, also mit der Liquidität 1. Grades. 4. Deutsche Richtwerte und Gliederung übernehmen. Die Logik ist dieselbe, aber das UGB gliedert anders als das HGB, und deutsche Branchenwerte passen nicht zur österreichischen Unternehmensstruktur. Für Österreich ist die Bilanzkennzahlen-Broschüre der KMU Forschung Austria die bessere Referenz. 5. Nur ein Jahr ansehen. Eine Bilanz ist eine Momentaufnahme zum Stichtag. Erst der Vergleich über drei Jahre zeigt, ob sich eine Kennzahl verbessert oder verschlechtert.

Viele Bilanzen auf einmal auswerten

Eine Bilanz von Hand durchzurechnen dauert eine Viertelstunde. Zwanzig Lieferanten über drei Jahre sind sechzig Abschlüsse und ein halber Arbeitstag. Dazu kommt der Branchenvergleich, für den Sie eigentlich die Werte aller Mitbewerber bräuchten.

Researchly Firmendaten liest die Jahresabschlüsse offenlegungspflichtiger österreichischer Kapitalgesellschaften aus und zeigt Eigenkapitalquote, Verschuldungsgrad, Anlagenintensität und Liquidität 1. Grades im Firmenprofil, jeweils mit Vorjahren und dem Median der Branche. Ohne Login und ohne PDF.

Wenn Sie aus den Kennzahlen eine vollständige Analyse machen wollen, mit Cashflow-Näherung, Stärken und Risiken, hilft eine Bilanzanalyse mit KI. Für einen einzelnen Abschluss reicht oft auch eine Bilanzanalyse mit ChatGPT, solange Sie die Zahlen gegenprüfen. Welche Programme sich für die laufende Auswertung eignen, vergleichen wir in Bilanzanalyse Software im Vergleich. Wer Kennzahlen im Rahmen einer Transaktion prüft, findet die weiteren Schritte unter Financial Due Diligence.

Fazit: Erst die Branche, dann der Richtwert

Bilanzkennzahlen sind schnell gerechnet. Schwierig ist die Einordnung. Eine Eigenkapitalquote von 18 Prozent ist bei einem Hotel normal und bei einer Steuerberatungskanzlei auffällig. Eine Liquidität 1. Grades von 0,1 Prozent ist bei einem Autohändler Alltag und bei einer Brauerei ein Alarmsignal.

  • Für die Kapitalstruktur reichen Eigenkapitalquote, Verschuldungsgrad und Anlagendeckung. Der österreichische Median der Eigenkapitalquote liegt bei 40,2 Prozent.
  • Für die Zahlungsfähigkeit rechnen Sie die Liquiditätsgrade nur mit Verbindlichkeiten bis zu einem Jahr Restlaufzeit.
  • Rentabilitätskennzahlen brauchen Umsatz oder Jahresüberschuss aus der GuV, und die fehlen in über 97 Prozent der Abschlüsse. Das Jahresergebnis lässt sich über Bilanzgewinn minus Gewinnvortrag annähern.
  • Vergleichen Sie jede Kennzahl mit dem Median der eigenen Branche und mit den Vorjahren, bevor Sie ein Urteil fällen.

Die Werte in diesem Artikel beruhen auf maschinell ausgelesenen Jahresabschlüssen des Geschäftsjahres 2024. Einzelne Posten können fehlen oder falsch zugeordnet sein. Für eine Kreditentscheidung oder einen Kaufvertrag prüfen Sie den Originalabschluss.

FAQ

Frequently asked questions